Tumorschmerzen

von Dr. med. Marianne Koch, Ehrenpräsidentin der Deutschen Schmerzliga
Krebspatienten brauchen Informationen über die Möglichkeiten einer modernen Schmerztherapie als Mittel gegen Fehlinformationen und Vorurteile. Ebenso brauchen sie aber auch Gespräche über ihre Leiden, damit die Schmerzen nicht mehr verdrängt, sondern beachtet werden.

Als ich vor einigen Jahren die Schmerzen einer Patientin, die an Bauchspeicheldrüsenkrebs litt, mit Morphin behandelte, erhielt ich von der Bundesopiumstelle in Berlin einen groben, fast drohenden Brief. Ob mir nicht bekannt sei, dass Opiate nur ausnahmsweise eingesetzt werden sollten und ich ich mir nicht Gedanken darüber gemacht hätte, dass die Patientin süchtig werden könne. Man erwarte eine umgehende Stellungnahme. Die lieferte ich dann auch, versehen mit Zitaten über eine sachgerechte Tumorschmerztherapie aus amerikanischen Lehrbüchern.

Heute würde mir so etwas wohl nicht mehr passieren. Auch in Deutschland werden inzwischen die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation zur Behandlung von Krebsschmerzen propagiert und von vielen Ärzten auch angewandt. Gleichwohl gibt es noch immer Defizite. Dies belegt eine aktuelle Untersuchung eines Psychologen-Teams von der Universität Greifswald. Deren Umfrage bei Krebspatienten belegt, dass sich viele Tumorkranke im Hinblick auf Schmerztherapie nicht ausreichend versorgt fühlen. Ärzte und Pflegekräfte wiederum seien sich dieses Bedarfs zwar bewusst, hielten aber die Therapien für ausreichend. Dies hält der Leiter der Studie, Professor Ulrich Wiesmann, für “Wunschdenken” und den Versuch, Defizite in der Behandlung von Tumorpatienten zu beschönigen.

Dabei muss kein Krebspatient Schmerzen ertragen. Unabhängig davon, ob die Schmerzen im Frühstadium der Erkrankung oder in späteren Phasen auftreten, ob sie direkt oder indirekt durch den Tumor verursacht werden oder Folge der Behandlung sind – es stehen heute maßgeschneiderte Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Diese richten sich beispielsweise nach der Art des Schmerzes und deren Ort. Experten schätzen, dass Schmerzen bei 90 bis 95 Prozent der Tumorpatienten mit verschiedenen Strategien erfolgreich gelindert werden können.

Stufenplan der Schmerztherapie

Schon in den achtziger Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Stufenplan der Schmerztherapie bei Krebsleiden veröffentlicht.

Stufe I: Bei schwachen bis mäßigen Schmerzen genügen nicht-opiathaltige Schmerzmittel, beispielsweise Azetylslicylsäure, Ibuprofen oder Pracetamol.

Stufe II: Bei stärkeren Schmerzen stehen schwache Opioide zur Verfügung, beispielsweise Tilidin oder Tramadol. Häufig werden diese Substanzen mit Analgetika aus der Stufe I kombiniert.

Stufe III: Bei starken Schmerzen werden starke Opioide eingesetzt, beispielsweise Morphin, Oxycodon, Hydromorphon (möglichst in retardierter Form) oder Fentanyl, Buprenorphin (als Pflaster). Auch diese Substanzen können mit anderen Analgetika kombiniert werden.

Neben den Schmerzmitteln verordnen Ärzte auch falls erforderlich andere zusätzliche Medikamente, beispielsweise Antidepressiva oder Neuroleptika. Denn diese ergänzen die Schmerztherapie sinnvoll: Sie lindern Beschwerden wie Angst, Anspannung und Niedergeschlagenheit. Einige dieser Substanzen beeinflussen dadurch auch die Schmerzverarbeitung im Gehirn.

Es ist wichtig, über den Schmerz zu sprechen

Wenn Tumorpatienten Schmerzen haben, sprechen viele jedoch nicht darüber. Dies belegen Untersuchungen Heidelberger Psychologen. Nur 30 Prozent der Betroffenen äußern sich dazu freimütig. Ein weiteres Resultat widerspricht landläufigen Vorurteilen: Frauen reden seltener über ihre Schmerzen als Männer. 66 Prozent der Frauen mit gynäkologischen Tumoren aber nur 20 Prozent der Männer behalten ihr Leiden für sich. Schmerzen werden bei Tumorpatienten also häufig verdrängt, kommen nicht zur Sprache und werden nicht beachtet. Doch belastende psychische Ereignisse – also etwa Schmerzen, die unbeachtet bleiben – treten in ihrer Symptomatik deutlicher hervor.

Dabei ließen sich im Gespräch mit dem behandelnden Arzt auch viele Vorurteile und Fehlinformationen ausräumen. Diese sind häufig die Ursache dafür, dass Tumorpatienten einer Schmerzbehandlung skeptisch gegenüberstehen. Viele Kranke fürchten beispielsweise, süchtig zu werden oder ihre geistige Klarheit zu verlieren, wenn sie mit starken Schmerzmittel (Opiaten) behandelt werden. Ebenso haben sie Angst vor Nebenwirkungen. Etliche glauben auch, daß ein Gewöhnungseffekt eintreten könnte. Verbreitet ist auch die Annahme, daß Schmerzmittel nur kurz vor dem Tod erforderlich sind. Die Patienten gehen also davon aus, dass es ihnen schlechter geht, als sie selbst vermuten, nur weil ihnen der Arzt Opiate verordnet.

Sich nicht vom Schmerz beherrschen lassen

Doch solche Vermutungen sind allesamt falsch: Werden sie richtig angewendet, machen moderne Opiate keineswegs süchtig, die Nebenwirkungen sind kontrollierbar, Gewöhnungseffekte treten fast nie auf. Darum ist es wichtig, dass Schmerzen rechtzeitig behandelt werden, wann immer sie auftreten – unabhängig vom Stadium der Erkrankung. Es geht darum, sich nicht vom Schmerz beherrschen zu lassen, sondern den Schmerz zu beherrschen! Denn oft kann durch eine sachgerechte Schmerztherapie die Spirale aus Schmerz, Angst, Depression und Verzweiflung durchbrochen werden. Eine ausreichende Schmerzlinderung verschafft den Patienten wieder Handlungsfreiheit und gibt ihnen Kraft für andere Dinge, die ihnen wichtig sind.

Das können Patienten selbst tun

Informieren Sie sich über die modernen Methoden der Schmerzbehandlung. Viele Institutionen, etwa die Deutsche Schmerzliga oder die Deutsche Krebshilfe, halten dazu Broschüren und Informationsmaterialien bereit.

Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie Schmerzen haben. Ihre Schmerzen können gelindert werden.

Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn eine eingeleitete Schmerztherapie nicht ausreichend wirksam ist oder wenn Nebenwirkungen auftreten. Vielleicht gibt es ein Medikament, das Sie besser vertragen.

Besuchen Sie eine Selbsthilfegruppe, in der sie sich mit anderen Patienten austauschen können. So profitieren Sie von den Erfahrungen anderer. Anschriften nennt die Deutsche Schmerzliga in Frankfurt am Main.

Setzen Sie Ablenkung gezielt ein. Konzentrieren Sie sich auf Dinge, die Ihnen ganz persönlich Freude bereiten. Dies kann Schmerzen für einige Zeit aus dem Bewusstsein ausblenden.
Lernen Sie, bewusst zu genießen und nehmen Sie sich dafür Zeit. Denn Freude und Genuss sind die Gegenspieler des Schmerzes.

Lernen Sie, sich zu entspannen. Entspannungsübungen (Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga, Autogenes Training, Imaginations-Verfahren, Selbsthypnose) bereiten die Basis für jede Schmerztherapie. Für Tumorpatienten ist dies besonders wichtig, da so auch Ängste und Stress abgebaut werden. Da es sehr viele verschiedene Methoden zur Entspannung gibt, darunter auch Bewegung, Tanz- und Kunsttherapie, sollten Sie für sich selbst die beste Methode herausfinden: Experimentieren Sie.

Angegliedert an den Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg bietet der Krebsinformationsdienst weitere Informationen für Patienten, Angehörige und Ärzte.

Unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 – 420 30 40 beantwortet das Team täglich von 8.00 bis 20.00 Uhr Ihre Fragen.

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